In Oettingen packen alle gemeinsam an

© Simeon Johnke

Christoph Schaffer mit seinem selbst geschneiderten Gewand.

Alle zwei Jahre dreht die Stadt Oettingen im schwäbischen Landkreis Donau-Ries das Rad der Geschichte zurück und taucht ein Wochenende lang ins Mittelalter ein. Die gesamte Altstadt wird zum Markt- und Festplatz, es gibt Ritterturniere, Musik, Feuershows, alle Oettinger*innen holen ihr „Gewand“ vom Dachboden und machen mit. Der Historische Markt wird komplett ehrenamtlich organisiert – die Gemeinschaftsleistung schafft ein einzigartiges Flair, das die Besucher*innen in den Bann zieht. Die meisten Fäden des gigantischen Organisations-Flechtwerks laufen bei Christoph Schaffer zusammen, dem ersten Vorsitzenden des federführenden Vereins Historischer Markt Oettingen e.V. Wir haben mit ihm gesprochen.

Erleben Sie Christoph Schaffer, den Motor des Historischen Marktes Oettingen, bei der Arbeit.

„Ein bisschen durchgeknallt muss man schon sein für so ein Hobby.“

Christoph Schaffer

„Perfektionistisch und detailverliebt – im positiven Sinn“, so beschreibt der stellvertretende Vorstand seinen Kollegen Christoph Schaffer. Er holt gerade das benötigte Equipment und die Brotzeit für die freiwilligen Helfer*innen, die in ganz Oettingen unterwegs sind und ihren Samstag mit dem Aufbau des Historischen Marktes verbringen. „Immer wieder kommt er mit verrückten Ideen, manchmal müssen wir ihn tüchtig bremsen.“

Als erster Vorsitzender des Vereins Historischer Markt Oettingen e.V. organisiert Christoph Schaffer Hunderte von Aufgaben, die in den 18 Monaten Vorbereitungszeit zu erledigen sind. Alle zwei Jahre, an dem Wochenende nach Christi Himmelfahrt, findet der „Hist-Markt“, wie ihn die Oettinger*innen nennen, statt. Und beschäftigt einen Großteil der 5.000 Einwohner*innen der Residenzstadt, in der Fürst Albrecht zu Oettingen-Spielberg seinen Wohnsitz noch mitten im historischen Zentrum hat. „Ein bisschen durchgeknallt muss man schon sein für so ein Hobby“, resümiert Schaffer. „Aber wir haben enorm viel Spaß zusammen, und man bekommt auch unheimlich viel zurück.“ Zahlreiche Details, die den Markt unverwechselbar machen, stammen von ihm: „Ich erarbeite immer ein fundiertes Konzept für meine ‚verrückten‘ Ideen, kalkuliere es und am Schluss überlegen wir gemeinsam, ob wir es umsetzen. Und oft haben wir schon entschieden: Das schaffen wir.“

Zum Beispiel die selbstgebauten Bühnen. Trotz intensiver Suche fand sich keine passende Lösung, die den strengen Vorgaben des Marktes entsprach. „Keine Technik darf zu sehen sein, kein Metall, kein Plastik. Die Besucher*innen sollen die perfekte Anmutung mittelalterlichen Lebens haben. Sogar die Straßenschilder in Oettingen werden für dieses Wochenende entfernt, ebenso alle Bänke und Mülleimer. Die Toilettenwagen werden versteckt, das elektrische Licht im fürstlichen Hofgarten verhüllt.“ Schaffer und sein Team entschieden sich dafür, die Bühnen in Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Zimmerei zu entwerfen und selbst zu bauen. Nach drei Märkten haben sie sich laut seiner Rechnung amortisiert. „Auch die historischen Bierbank-Garnituren, insgesamt 120 Stück, haben wir selbst gebaut, und die 6.000 salzglasierten Steinkrüge, aus denen das extra gebraute Bier der örtlichen Brauerei ausgeschenkt wird, werden natürlich in Deutschland nach alter Handwerkstechnik für uns gefertigt.“ Das gesamte Equipment lagert in einer Halle, die von der N-ERGIE kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

von
  • © Simeon Johnke

    Viele helfende Hände stehen für den Aufbau zur Verfügung – ein gigantisches Gemeinschaftsprojekt.

  • © Simeon Johnke

    Die ganze Stadt Oettingen wird für das Wochenende umgebaut – jedes Detail soll stimmen.

  • © Simeon Johnke

    Christoph Schaffer organisiert nicht nur, er packt auch tatkräftig mit an. Beispielsweise beim Aufbau der historischen Bierbank-Garnituren und der Bühnen.

  • © Simeon Johnke

    Hunderte von Aufgaben sind zu erledigen. Dabei muss einer den Überblick behalten.

  • © Simeon Johnke

    Auch die Kassenhäuschen sind selbstverständlich aus Holz. Damit die Besucher ein perfektes mittelalterliches Ambiente erleben, soll kein Plastik und keine Technik zu sehen sein.

  • © Simeon Johnke

    Der Turnierplatz im fürstlichen Garten wird vorbereitet.

  • © Simeon Johnke

    Ein Bauzaun wird mit Holzpaneelen verkleidet, damit alles authentisch wirkt. Auch die elektrischen Lichtquellen werden verdeckt und alle Ketten, Bänke und Mülleimer abgenommen.

  • © Simeon Johnke

    Kurz vor der Eröffnung des Marktes ist Christoph Schaffer im Dauereinsatz.

  • © Simeon Johnke

    „Der Hist-Markt ist wie ein Hobby für mich und die Bewohner von Oettingen.“ Der Ertrag, den die vielen ehrenamtlichen Helfer erzielen, kommt der ganzen Stadt zugute.

  • © Udo Bernstein

    Viele tausend Zuschauer geben dem Fest die Ehre. Dank der vielen Helfer*innen, die geplant, gebaut, organisiert, geholfen, gekocht und gebacken haben, wurde das Wochenende zu einem tollen Event.

Der Markt ist ein gigantisches Gemeinschaftsprojekt. Im übergeordneten Verein Historischer Markt Oettingen haben sich alle Vereine der Stadt zusammengeschlossen, die aktive Jugendarbeit betreiben und ihren Ertrag aus dem Fest in die Jugendarbeit stecken – das sind die Voraussetzungen für die Teilnahme. Dieses System kommt der gesamten Stadt zugute. Neben fast allen Einwohner*innen sind auch die Verwaltung der Stadt Oettingen am Gelingen beteiligt, die fürstliche Familie mit ihren Ländereien und zahlreiche Sponsoren, unter anderem die N-ERGIE als Hauptsponsor. Die Vereine stellen beispielsweise den „Magenfahrplan“ zusammen und verkaufen kulinarische Köstlichkeiten wie Rittertopf, Pilgerherzen, Lutherlocken, heiße Pferdeäpfel und Drachenaugen. Alte Handels- und Handwerksberufe werden während des Marktes präsentiert, es gibt ein Ritterturnier, Gaukler*innen und Magier*innen, Sänger*innen, einen Viehmarkt, eine Falknerei, ein Ritterlager und vieles mehr.

„Für den Historischen Markt arbeiten wirklich unglaublich viele Menschen zusammen, jeder trägt bei, was er kann. Nur so funktioniert diese gigantische Aufgabe. Eigentlich sollten wir gesellschaftliche Aufgaben grundsätzlich auf diese Weise angehen. Gemeinsam im Team schaffen wir es, auch mal Grenzen zu verschieben und ein erstaunliches Gesamtergebnis zu erreichen.“

Hintergrundinformationen

Im Jahr 1984 entstand in der Werbegemeinschaft Oettingen die Idee, am verkaufsoffenen Sonntag eine besondere Aktion durchzuführen. Erstmals wurden auf dem Oettinger Marktplatz traditionelle Handwerksberufe präsentiert. Das rege Interesse der Besucher*innen führte zu einer Wiederholung in den folgenden Jahren und die Zahl der gezeigten Handels- und Handwerksberufe nahm kontinuierlich zu. Auch das Rahmenprogramm wurde nach und nach ausgeweitet, der Historische Markt entwickelte sich zu einer festen Institution. 1996 wurde der Verein „Historischer Markt Oettingen e.V.“ gegründet, der seitdem die Organisation der Veranstaltung übernimmt. Sie findet im 2-Jahres-Rhythmus statt, im geraden Kalenderjahr am Wochenende nach Christi Himmelfahrt.

Weitere Informationen unter:
www.historischermarkt-oettingen.de

Historischer Markt Oettingen

Besucher*innen: bis zu 30.000
Beteiligte Oettinger Vereine: 15
Bespielte Plätze in der Stadt: 11
Bühnen: 6
Teilnehmende Handwerksstände: ca. 130
Spielleut, Akrobat*innen, Geschichtenerzähler*innen, Gaukler*innen und Narren, Hexen, Zauberer und unwirkliche Geschöpfe: 22
Lagergruppen: 27 aus 3 Epochen mit mehr als 1.000 Personen, davon ca. 800 Waffenträger
Ritter-Turniere: 5
Umzüge: 2
Vorbereitungs-Vorlauf: 18 Monate

Artikel teilen